
Detail aus „Wandering Underpants“, 2006, Oel auf Leinwand (146 x 114cm),
Fotografie auf Leinwand und Kunstharz (20 x 3cm), Faden
Carolina Nazar
I promise I love you
2. Juli bis 4. September 2010
Vernissage: Donnerstag, 1.7.2010, 18.00 bis 21.00 Uhr
Carolina Nazar, 46, ist eine argentinische Künstlerin, die in Córdoba aufgewachsen ist. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit den europäischen Einflüssen auf die südamerikanische Lebensweise und Religion und auf die Vermengung von diesen auseinander. Sie ist Mutter von zwei Söhnen und lebt und arbeitet heute in Novaggio im Tessin. Wir freuen uns sehr, die Arbeiten dieser aussergewöhnlichen Künstlerin zum ersten Mal in Zürich einem inte- ressierten Publikum vorzustellen.
Warum wurdest du Künstlerin?
Die erste Form, die ich gewählt hatte, um mich auszudrücken war nicht Malerei, sondern das Klavierspielen. Danach folgten Tanz, Theater, Gesang und Kunstturnen. Als ich anfing zu malen, war plötzlich eine Welt da, in der niemand aus meiner Umgebung seine Meinung abgeben konnte. Ich fühlte mich frei, das war meine Welt.
Du bist aus Argentinien, lebtest in Spanien um und wohnst nun im Tessin. Wie haben dich die verschiedenen Länder beeinflusst?
Ich bin ein Teil von Argentinien, gab meine Heimat jedoch unendlich viele Male auf. Die Einflüsse aus anderen Ländern realisiere ich eigentlich nur dann, wenn ich meine Heimat von Zeit zu Zeit besuche. Argentinien war die Wahl meiner Grosseltern, die dort von Null an beginnen konnten. Ich bin eine Immigrantin aber auch eine Emigrantin! Das Wichtigste für mich an Menschen aus Argentinien – aber auch an allen anderen dieser Welt – ist, wie wir uns mit ähnlichen Dingen identifizieren. Uns liegen allen dieselben menschlichen Land- schaften zugrunde, in verschiedenen Farben, aber auf der Suche nach denselben Dingen, vielleicht nach Glück. So gesehen werde ich von menschlichen Landschaften mit unseren langen und schwierigen Grenzen und Formen beeinflusst.
In welchem Teil deiner Kunst spürst du deine argentinischen Wurzeln am meisten?
Die argentinische Wurzel ist überall: einfach mit verschiedenen leckeren und seltsamen Gewürzen zubereitet.
Einige deiner Werke sind farbenfroh und wirken sehr positiv, andere dagegen düster und schmerzvoll. Wie erklärst du diesen Unterschied?
Meine Arbeit ist mein Herz. Sie ist genau das, was ich bin. Ich finde, mein Weg ist voller Diskrepanzen. Manchmal komme ich nicht vorwärts durch den Sturm, also bleibe ich drinnen und sitze auf meinen Herzen, der Wind wirbelt mich herum, hin und her, von einem Extremen ins Andere, während ich da sitze und male. Das ist auch die Art, wie ich lebe. Viel dunkles Leiden, lange Perioden von inneren Reisen, grosse Freude, starke Winde, Stürme... Manchmal ist es bunt und manchmal schwarz.
Die Schamanen-Serie mit den Voodoo-Figuren, die silbernen Herzen aus dem Ex-Voto oder aber auch die Putten auf Papier – Deine Kunst scheint sehr von Religion beeinflusst zu sein. Wie erklärst du das?
Ich liebe die Ausdrucksweise einiger Religionen. Ihre pädagogische Arbeit ist vielleicht das Intelligenteste daran, es ist eine stille Arbeit. In Lateinamerika erzählen die Mauern der Kirchen und Kathedralen ihren Standpunkt über Glaube und andere Dinge. Die Eroberer und ihre Söhne zwangen die Eingeborenen zum Katholizismus: diese sollten eine Kultur
besingen und darstellen, an der sie gar nicht interessiert waren. Sie konnten kein Spanisch sprechen oder lesen und versteckten ihre eigenen Götterbilder. Dann wurde ihnen das Malen, das Beten und das Singen in europäischer Harmonie beigebracht.
Wenn ich Putten, Heilige oder Affen male, will ich die Stille darstellen, welche die Eingebo- renen herunter geschluckt haben. Die Figuren sind nackt, weil dies ihre natürliche Lebens- weise war; sie haben silberne Herzen aus dem Silber des tiefsten Amerika; sie sind genäht, weil ich damit versuche, ihre Lebensweise zu unserer Kultur zurück zu holen; ich benutze Bienenwachs, weil er als Gussform für amerikanische Goldmünzen gebraucht wurde – aus dem Gold der Eingeborenen für einen für sie unbekannten Zweck.
In Heiligenfiguren suchen wir normalerweise nach dem Glauben. Wenn wir die Figuren aus Argentinien betrachten, die für den Export bestimmt sind, sehen wir eine gewisse Wildheit. Ich sehe darin aber die Suche der Fremden nach Glaube – ein Lifestyle, eine Traurigkeit und Sünde! Damit will ich nichts zu tun haben. Mein Konzept des spirituellen Lebens nimmt sich das Beste daraus, aber auch aus vielen anderen Religionen. Der wunderbare menschliche Körper, die magische Musik – die Nägel und Pins aus einigen afrikanischen Kulturen bedeuten all die guten Dinge, die man in einer spirituellen Weise hat.
Ich bin aber auch interessiert an der „hausgemachten“ Religion – diejenige, welche die Leute nicht in den Tempeln praktizieren, sondern für sich selber. All unsere täglichen Rituale, un- sere Wurzeln.
Nähen ist ein wichtiger Teil deiner Arbeit: die Voodoo-Figuren, der Affe und auch der kleine Mann im „Wandering Underpants“ haben ein Paar Stiche.
Wenn ich etwas nähe, spreche ich in einer Schamanen-Sprache. Ich spreche eine Sprache, die ich nicht kenne. Eine Sprache, die mir niemand beigebracht hat. Ich spreche sozusagen mit meinem Unterbewusstsein... so erreiche ich ein meditatives Stadium.
Kannst du in drei Sätzen erklären, was du mit deiner Kunst sagen willst?
Ich würde sagen: Mein nacktes Herz fühlt und versteht. Auch dieser Satz kommt direkt von meinem Herzen. Ich bin frei zu fragen und zu antworten; andere Wege zu beschreiten, um das zu untersuchen, was auf uns als absolute Wahrheit zukommt; ich urteile, ich schwatze, ich sage, ich weine, ich spiele, ich male, ich entwickle, ich entdecke versteckte Dinge – mit anderen Worten: Ich lebe.
Empfindest du deine Kunst weiblich?
Wenn ich arbeite, beobachtet der weibliche Teil still, was der männliche Teil gerade tut.
Was ist gute Kunst für dich?
Was meine Kunst angeht, ist es, wenn sie aus meinem Herzen giesst und regnet.
Interview: Anna von Senger
